{"id":280,"date":"2020-11-26T16:08:55","date_gmt":"2020-11-26T15:08:55","guid":{"rendered":"https:\/\/beta.woerterwerkstatt.com\/?page_id=280"},"modified":"2021-04-30T11:36:39","modified_gmt":"2021-04-30T09:36:39","slug":"vereint","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.woerterwerkstatt.com\/?page_id=280","title":{"rendered":"Vereint"},"content":{"rendered":"\n<p>Du gehst auf die h\u00f6lzerne T\u00fcr zu und betrittst den Raum. Er ist<br>klein, doch gro\u00df genug f\u00fcr ein behagliches Feuer, das im Kamin<br>glimmt. Ein roter Sessel f\u00fcllt das Zimmer zusammen mit einem<br>Couchtisch zur G\u00e4nze aus, und in die orangefarbene Wand gegen-<br>\u00fcber ist eine ebenfalls h\u00f6lzerne T\u00fcr eingelassen. Sie erweckt den<br>Anschein, dass sie nicht abgesperrt ist, aber f\u00fcr dich scheint der<br>Sessel um einiges attraktiver. Du l\u00e4sst dich in das weiche, samtene<br>Polster fallen. Nur kurz ausruhen \u2026 Doch deine Neugier w\u00e4chst<br>und w\u00e4chst. Obwohl deine Augen schwer wie Blei sind, gehst du<br>langsam auf die T\u00fcr zu. Der n\u00e4chste Raum sieht fast genauso aus<br>wie der letzte, doch vom Feuer zeugen nur noch ein paar verkohlte<br>Holzreste. An der ebenfalls orangenen Wand h\u00e4ngt das Gem\u00e4lde<br>eines M\u00e4dchens. Seltsam \u2026 Sie sieht fast so aus wie du, gr\u00fcne Au-<br>gen, langes, dunkles Haar. Das Bild war einmal klar und deutlich,<br>doch das ist Vergangenheit. Das M\u00e4dchen ist von Staub \u00fcbermalt<br>worden, doch manche Details stechen seltsam deutlich hervor.<br>Du gehst auf den Tisch in der Mitte des Raumes zu, auf dem eine<br>kleine Schale mit Trauben steht, und bedienst dich. Mit dem s\u00fc\u00dfen<br>Geschmack im Mund gehst du auf die n\u00e4chste T\u00fcr zu. Was sich wohl<br>dahinter verbirgt? Als du sie \u00f6ffnest, weht dir ein kalter Luftzug<br>entgegen. \u00dcberrascht f\u00e4hrst du zur\u00fcck, doch dann siegt deine Neu-<br>gier. Dieser Raum ist gr\u00f6\u00dfer als die ersten beiden, die W\u00e4nde sind<br>eisblau, ein einfacher Stuhl ersetzt den roten Sessel, der Kamin ist<br>leer, doch an der Wand h\u00e4ngt ein kleiner Spiegel. Du wirfst einen<br>kurzen Blick auf dein Spiegelbild und steuerst die n\u00e4chste T\u00fcr<br>an. Hoffentlich wird es dahinter wieder gem\u00fctlicher. Der n\u00e4chste<br>Raum ist ebenso eingerichtet wie der letzte, doch anstatt eines<br>Kamins h\u00e4ngt nur ein einfacher Heizk\u00f6rper an der Wand, die Kabel<br>wurden aus der Mauer gerissen und h\u00e4ngen schlaff von der Hei-<br>zung herab. Der Spiegel hat sich etwas vergr\u00f6\u00dfert. Anstatt dich zu<br>setzen, gehst du zielstrebig auf die diesmal metallene T\u00fcr zu in das<br>n\u00e4chste Zimmer. Durch viele R\u00e4ume gehst du, jedes Mal ver\u00e4ndert<br>sich ein Detail, das den Raum ungem\u00fctlicher wirken l\u00e4sst. Mit<br>jedem Blick in den Spiegel wird die Leere, dieses Gef\u00fchl, dass ein<br>Teil von dir fehlt, st\u00e4rker, m\u00e4chtiger, es zieht dich weiter. Durch un-<br>z\u00e4hlige Zimmer bist du bereits gegangen, seit Kurzem haben sich<br>die T\u00fcren in Glas verwandelt, das jedoch durch seine Beschichtung<br>undurchsichtig ist. Die Bewegung, mit der du die T\u00fcr \u00f6ffnen willst,<br>ist fast mechanisch, doch im letzten Moment l\u00e4sst dich etwas inne-<br>halten.<br>Der Spiegel. In diesem Raum ist er fast so gro\u00df wie du. Du<br>gehst auf dein Spiegelbild zu, dein Gegen\u00fcber tut es dir nach. Diese<br>Leere zieht dich wie magisch an den Spiegel, du und dein Bild legen<br>die Hand darauf und ber\u00fchren sich. Die Scheibe k\u00fchlt deine nass-<br>geschwitzten H\u00e4nde. Dein Gegen\u00fcber l\u00e4chelt. L\u00e4chelt, obwohl du<br>nicht l\u00e4chelst. Und dann fl\u00fcstert es: \u201eKomm. Du siehst aus, als w\u00fcr-<br>den wir zusammengeh\u00f6ren.\u201c Wie in Zeitlupe ziehst du deine Jacke<br>aus, in dem Bed\u00fcrfnis, etwas in deiner alten Welt zur\u00fcckzulassen.<br>Dann streckst du wie allt\u00e4glich erst deine beiden H\u00e4nde, dann dei-<br>nen Oberk\u00f6rper und schlie\u00dflich deine F\u00fc\u00dfe durch den Spiegel und<br>f\u00e4llst deinem Gegen\u00fcber in die Arme. Ihr umarmt euch, als w\u00e4rt ihr<br>alte Freunde. \u201eDanke\u201c, fl\u00fcstert dein Spiegelbild. \u201eDanke, dass du<br>gekommen bist, um uns zu vereinen. Danke, dass du da bist, damit<br>wir gemeinsam ein besseres Leben f\u00fchren k\u00f6nnen.\u201c Ein letztes Mal<br>blickst du durch die einzige dir bekannte Verbindung zu allem, was<br>du kennst. Die andere Seite ist leer. Nur deine Jacke liegt dort ein-<br>sam am Boden. Und pl\u00f6tzlich seid ihr eins. Deine H\u00e4nde, die deines<br>Gegen\u00fcbers. Deine F\u00fc\u00dfe, die deines Spiegelbilds. Und die Leere,<br>nicht mehr da. Stattdessen ein volles, zufriedenes Gef\u00fchl, das dein<br>ganzes Leben so bleiben wird. Dein neues Leben. Du gehst auf die<br>h\u00f6lzerne T\u00fcr zu, die einzige im Raum, und stehst zum ersten Mal<br>seit langem unter freiem Himmel. In einer anderen, fremden Welt,<br>aber in einem erf\u00fcllteren Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Magazin Federkiel Ausgabe 1, Miriam R.<\/p>\n\n\n\n<p>Verwendet f\u00fcr folgendes Produkt des &nbsp;w&nbsp;\u00f6&nbsp;r&nbsp;t&nbsp;e&nbsp;r&nbsp;k&nbsp;i&nbsp;o&nbsp;s&nbsp;k: <a href=\"https:\/\/www.woerterwerkstatt.com\/?page_id=378\/#einschlagheft\">einschlagheft<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Du gehst auf die h\u00f6lzerne T\u00fcr zu und betrittst den Raum. Er istklein, doch gro\u00df genug f\u00fcr ein behagliches Feuer, das im Kaminglimmt. 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