{"id":285,"date":"2020-11-26T16:33:31","date_gmt":"2020-11-26T15:33:31","guid":{"rendered":"https:\/\/beta.woerterwerkstatt.com\/?page_id=285"},"modified":"2021-04-30T11:34:33","modified_gmt":"2021-04-30T09:34:33","slug":"die-brueder","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.woerterwerkstatt.com\/?page_id=285","title":{"rendered":"Die Br\u00fcder"},"content":{"rendered":"\n<p>Goldfische, die, erinnernd an gro\u00dfe, fette orangene Sonnen, f\u00f6rm-<br>lich durch das gro\u00dfe Aquarium zu schweben schienen. Mit ihren<br>Kiemen filterten sie das bereits tr\u00fcbe Wasser, in dem die abgenag-<br>ten St\u00fccke der Dekorationspflanzen wie gr\u00fcne Schneeflocken<br>he\u00adrumgaukelten. Tr\u00e4ges Stimmengewirr, das das Restaurant mit<br>Leben, die Leere zusammen mit den menschlichen Leibern f\u00fcllte,<br>welche, gelenkt vom Verstand ihrer K\u00f6pfe, das Leben auf eine Art<br>zelebrierten, wie es f\u00fcr ihre Spezies \u00fcblich war. H\u00e4tte man Aufmerk-<br>samkeit eingef\u00e4rbt, so h\u00e4tte es anstelle der Kronleuchter an der<br>Decke lauter schimmernde Lichter gegeben, die sich in pulsieren-<br>den Kreisen um die Tische aufhielten, die dem Weg des Kellners wie<br>der Schweif einem Kometen folgten. Zwischen den Tischen, dort,<br>wo keine Leute mit Tabletts, gekleidet in Livrees, ihre Schritte t\u00e4tig-<br>ten, herrschte Dunkelheit. W\u00fcrde Dunkelheit herrschen. Wenn es<br>diese Lichter g\u00e4be. Doch so f\u00fcllte der warme goldgelbe Schein der<br>prunkvollen Kronleuchter jeden Winkel, lie\u00df die Weingl\u00e4ser, das<br>Silberbesteck schimmern, gl\u00e4nzen in ihrer polierten Pracht. \u201eUnd<br>unser Hund, Mr. Jankins, eine treue Seele, er-\u201c \u201eWie laufen die Ge-<br>sch\u00e4fte, Pete?\u201c \u201eMorgen nicht, nein.\u201c, Gespr\u00e4chsfetzen, deren Beto-<br>nung, deren Worte mit der Zeit die Luft erw\u00e4rmten. Frauen f\u00e4chel-<br>ten sich Luft zu, M\u00e4nner zupften unruhig an ihren Hemden. Das<br>Ambiente sollte an eine Mischung aus Luxus und Heimeligkeit er-<br>innern, alles aus Holz, wie in einer Blockh\u00fctte, doch die kreisrun-<br>den Tische waren bedeckt mit Stofftischdecken und die Kronleuch-<br>ter hingen zwischen den Deckenbalken, erinnerten daran, wie teu-<br>er hier alles war. Auf einem dieser Balken, fern von all dem<br>Auf\u00ad\u00admerksamkeitslicht, lie\u00dfen zwei Gestalten die Beine baumeln.<br>Sie waren winzig, nicht gr\u00f6\u00dfer als der Arm eines Kindes. Zwei kleine<br>M\u00e4nner, deren schwarzes Haar so kraus war, dass es ein wenig an<br>L\u00f6wenm\u00e4hnen erinnerte. Ihre Kleidung war abgerissen. Mehr als<br>das. Doch es war ihnen egal. Schnaubend machte der eine eine<br>ruckartige Kopfbewegung, versuchte, mit seinem spitzen Kinn die<br>Gesamtsituation zu umfassen. \u201eSieh sie dir an, Bruder.\u201c \u201eJa, Bruder.\u201c<br>Sie waren keine Br\u00fcder. Sie mochten lediglich den Klang des Wor-<br>tes. Sie lasen die Zeitungen, die sie in den M\u00fclltonnen fanden. Und<br>die Schlagzeile \u201eBRUDER THOMAS BEICHTET DIEBSTAHL DES MESS-<br>WEINS\u201c hatte ihnen besonders gut gefallen. Sie mochten Diebstahl.<br>Und Alkohol. Au\u00dferdem hie\u00df ein Cousin vierten Grades m\u00fctterli-<br>cherseits Thomas. \u201eSieh sie dir an, Bruder!\u201c sagte der eine nochmal,<br>seine heisere Stimme stolperte \u00fcber jedes Wort. \u201eErb\u00e4rmlich!\u201c \u201eEr-<br>b\u00e4rmlich, Bruder.\u201c, echote sein Nicht-Bruder, nickte best\u00e4tigend. Er<br>redete nicht viel. Meistens stimmte er nur zu. Damit hatte er die<br>beste Erfahrung gemacht. \u201eSieh nur, was sie in sich reinstopfen! Ka-<br>viar! Tse!\u201c Der kleine Mann spuckte aus, traf in das Weinglas eines<br>im Anzug gekleideten Mannes. Dieser Mann hie\u00df Steve und war An-<br>walt. Am n\u00e4chsten Morgen w\u00fcrde er wegen Durchfall einen wichti-<br>gen Termin absagen m\u00fcssen. \u201eKaviar ist b\u00f6se!\u201c Der Mann sprach es<br>mit so fester \u00dcberzeugung, dass sein Kumpane doppelt so lange<br>nickte wie sonst. Sicherheitshalber. \u201eUnd sie essen einfach nichts,<br>was wirklich \u2026 gut ist!\u201c Nun klang er beinahe verzweifelt. Fluchend<br>rieb sich der Mann die Stirn. \u201eVerdammt sollen sie sein, was, Bru-<br>der?\u201c \u201eJa, Bruder. Verdammt.\u201c \u201eGanz genau.\u201c Schweigen. Das Wirr-<br>warr an Gespr\u00e4chen gab dem einen die Zeit, seinen miss\u00admutigen<br>Blick auf etwas anderes zu richten. Auf einen Glaskasten in der ei-<br>nen Ecke des Restaurants. Das Aquarium. \u201eUnd sieh mal: Sie haben<br>jetzt Fische.\u201c Spott. Langsam richtete er sich auf, schritt mit hinter<br>dem R\u00fccken verschr\u00e4nkten Armen auf dem Balken auf und ab. \u201eSie<br>haben Fische, Bruder!\u201c \u201eJa, Bruder. Fische, Bruder.\u201c \u201eWie k\u00f6nnen sie<br>nur! Fische! Verdammt sollen sie sein!\u201c Er streckte sich. \u201eDie Fische.<br>Und die \u2026 Menschen.\u201c \u201eJa, Bruder. Fische und Menschen. Ver-<br>dammt.\u201c \u201eIch hasse sie.\u201c \u201eJa, Bruder.\u201c \u201eIch verabscheue sie!\u201c \u201eIch<br>auch.\u201c \u201eDas solltest du auch!\u201c \u201eJa, Bruder.\u201c Stille. Schweigen. Die<br>zwei Gestalten auf dem Dachbalken beobachteten wieder die Men-<br>ge. Der Stillere der beiden fragte sich, warum sie schon seit Jahren<br>jedes Mal abends kamen, um diese Massen zu beobachten, wenn<br>sein Freund sich doch sowieso nur beschwerte. Doch er fragte<br>nicht. Es verstie\u00df gegen sein Prinzip des Rechtgebens. \u201eWei\u00dft du,<br>was ich denke, Bruder?\u201c \u201eWas denn, Bruder?\u201c \u201eIch denke, dass wir<br>einen der Fische stehlen sollten.\u201c \u201eJa, Bruder.\u201c \u201eIch wollte schon im-<br>mer einen. Einen Fisch.\u201c \u201eJa, Bruder.\u201c \u201eUnd es w\u00fcrde die Leute \u00e4r-<br>gern.\u201c \u201eJa, Bruder.\u201c \u201eUnd den Fisch.\u201c \u201eJa Bruder.\u201c \u201eWeil er dann doch<br>einsam ist.\u201c \u201eJa, Bruder.\u201c Dass Fische ohne Wasser nicht leben konn-<br>ten, erw\u00e4hnte er nicht. Sonst h\u00e4tte er etwas entgegen seines Prin-<br>zips sagen m\u00fcssen. \u201eAlso los.\u201c Der Mann rieb sich die H\u00e4nde, sprang<br>mit einem Satz auf den Fu\u00dfboden, ein dumpfes Ger\u00e4usch entstand,<br>als seine klobigen Stiefel auf dem polierten Holz aufkamen. Nie-<br>mand achtete auf ihn. Er bewegte sich au\u00dferhalb des Aufmerksam-<br>keitslichts. Unsicher folgte ihm sein Kumpan. Seine H\u00e4nde zitter-<br>ten. Er hatte Angst vor Wasser. Er konnte nicht schwimmen. Als sie<br>auf die Kommode kletterten, sich nun auf H\u00f6he mit dem Rand des<br>Beckens befanden, lachte sein Kumpane dreckig, schwang sich<br>hoch, sodass er rittlings auf dem Rand des Aquariums sa\u00df. \u201eKomm,<br>Bruder.\u201c Stille. \u201eJa, Bruder.\u201c Kaltes Wasser, in das seine Stiefel tauch-<br>ten, er erschauerte. Doch er widersprach nicht. Er hatte ein Prinzip.<br>\u201eWelchen willst du?\u201c \u201eBruder?\u201c \u201eWelchen willst du haben, Bruder?\u201c<br>\u201eIch wei\u00df nicht \u2026 Bruder?\u201c \u201eWas?\u201c \u201eIch wei\u00df es nicht.\u201c \u201eWarum<br>nicht?\u201c Ein Schnauben. Ein Kopf\u00adnicken. \u201eSuch dir einen aus.\u201c Z\u00f6-<br>gern. \u201eDen da.\u201c Er deutete blind auf einen. Einen dicken. Gro\u00dfen.<br>Fast so gro\u00df wie er. Der gr\u00f6\u00dfte. Orangerot wie die sterbende Sonne,<br>tr\u00e4ge Kreise ziehend. Ein Grinsen. \u201eSchnapp ihn, Bruder.\u201c Schwei-<br>gen. Z\u00f6gern. Er konnte nicht schwimmen. Sein Prinzip wurde insta-<br>bil. Lie\u00df ein Wort des Widerspruchs durch. \u201eAber \u2026\u201c \u201eAber was?\u201c Stil-<br>le. \u201eWillst du ihn haben?\u201c \u201eJa, Bruder.\u201c \u201eWillst du ihn holen?\u201c \u201eJa,<br>Bruder.\u201c \u201eDann hol ihn.\u201c Stille. Schweigen. Das Seufzen eines ver-<br>zweifelten Prinzips. \u201eJa, Bruder.\u201c Langsam lie\u00df er sich in das Becken<br>gleiten. Kalt. Eiskalt. Er erschauerte. Sein Kumpan nickte ihm auf-<br>munternd zu. \u201eTreib ihn zu mir. Dann zieh ich ihn raus. Ich habe<br>st\u00e4rkere Arme.\u201c \u201eJa, Bruder.\u201c Seine schwitzigen H\u00e4nde l\u00f6sten sich<br>von dem kalten Glas. Er stie\u00df sich ab. Segelte auf den Fisch zu. Kraft<br>der Verzweiflung, als er sich an den goldenen Schuppen festkrallte.<br>Abglitt. Er ging unter. Der andere Mann legte erstaunt den Kopf<br>schief, als er sah, wie das Gesicht seines Kumpan sich entsetzt ver-<br>zog, er in den Fluten des Beckens verschwand und der Fisch einfach<br>auswich, weiterglitt. \u201eBruder?\u201c Keine Antwort. Ein Blubbern. \u201eBru-<br>der?\u201c Nichts. Missmutig starrte er auf die tr\u00fcbe Wasseroberfl\u00e4che.<br>Und sprang dann hinein. Sein Blick ein wenig verschwommen, als<br>er untertauchte. Er konnte schwimmen. Und er wollte den Fisch.<br>Mit schnellen Griffen packte er das Tier an der Schwanzflosse, igno-<br>rierte das Gezappel. Mit aller Kraft schleuderte er es aus dem Aqua-<br>rium. Hinein in das Aufmerksamkeitslicht. Erschrockene Schreie. Er<br>ignorierte sie. Ihm war es egal. Er wollte den Fisch. Er wollte seinen<br>Kumpel. Er entdeckte ihn. Niedergesunken auf algenverklebten<br>Kies. Der kleine Mann packte ihn am Kragen. Wuchtete ihn hoch.<br>Luftschnappen, als sie an die Wasseroberfl\u00e4che traten. Husten sei-<br>nes Kumpels. \u201eDu kannst nicht schwimmen?\u201c \u201eJa, Bruder.\u201c Husten.<br>\u201eDu bist dumm.\u201c \u201eJa, Bruder.\u201c Stillschweigend zogen sie sich, trie-<br>fend und nass, am Rand des Beckens hoch. Beobachteten stumm,<br>wie der Fisch noch ein letztes Mal tr\u00fcbe schimmerte, das Zucken<br>sein lie\u00df, starb, bevor er, begleitet vom Geschrei der G\u00e4ste, in eine<br>M\u00fclltonne bef\u00f6rdert wurde. \u201eBruder?\u201c \u201eJa, Bruder?\u201c \u201eDu schuldest<br>mir einen Fisch, Bruder.\u201c \u201eJa, Bruder.\u201c Erleichterung. Aber auch<br>Angst. Er konnte immer noch nicht schwimmen. \u201eAber nicht heute,<br>Bruder.\u201c \u201eJa, Bruder, nicht heute, Bruder.\u201c Tropfend schleppten sie<br>sich durch die erneut verdunkelnden Winkel zwischen den Kreisen<br>aus Aufmerksamkeitslicht. Stie\u00dfen die T\u00fcr auf. Kalte Nachtluft, die<br>sie empfing. Sie verschwanden in den Schatten, in Richtung der<br>M\u00fclltonnen hinter dem Restaurant. Zeitung lesen. \u201eBruder?\u201c \u201eJa,<br>Bruder?\u201c Sein Prinzip knackte gef\u00e4hrlich, w\u00e4hrend er sich wand,<br>versuchte, ein bereits \u00fcberfl\u00fcssiges Gest\u00e4ndnis herauszupressen.<br>\u201eIch kann nicht schwimmen, Bruder.\u201c Der Mann drehte den Kopf.<br>Aus seiner Kehle drang ein heiseres Lachen, das die Tauben auf den<br>D\u00e4chern aufschreckte. \u201eJa, Bruder. Du kannst nicht schwimmen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><em>Magazin Federkiel Ausgabe 1, Mayara K.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Verwendet f\u00fcr folgendes Produkt des \u00a0w\u00a0\u00f6\u00a0r\u00a0t\u00a0e\u00a0r\u00a0k\u00a0i\u00a0o\u00a0s\u00a0k: <a href=\"https:\/\/www.woerterwerkstatt.com\/?page_id=378\/#t\u00fctenheft\">t\u00fctenheft<\/a>, bild<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Goldfische, die, erinnernd an gro\u00dfe, fette orangene Sonnen, f\u00f6rm-lich durch das gro\u00dfe Aquarium zu schweben schienen. Mit ihrenKiemen filterten sie das bereits tr\u00fcbe Wasser, in dem die abgenag-ten St\u00fccke der Dekorationspflanzen wie gr\u00fcne Schneeflockenhe\u00adrumgaukelten. 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