{"id":293,"date":"2020-11-27T09:59:37","date_gmt":"2020-11-27T08:59:37","guid":{"rendered":"https:\/\/beta.woerterwerkstatt.com\/?page_id=293"},"modified":"2021-04-30T11:34:58","modified_gmt":"2021-04-30T09:34:58","slug":"filzwollschafe-und-lilienschwerter","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.woerterwerkstatt.com\/?page_id=293","title":{"rendered":"Filzwollschafe und Lilienschwerter"},"content":{"rendered":"\n<p>Lylian strich mit den Fingerspitzen durch den silbrigen Graswei-<br>zen. Der vollkommene, synchrone Tanz der \u00c4hren geriet bei ihrer<br>Ber\u00fchrung aus dem Takt, wie ein T\u00e4nzer, der die Tempo\u00e4nderung<br>\u00fcberh\u00f6rt hatte, nur um danach wieder mit den unh\u00f6rbaren T\u00f6nen<br>des Sangwindes zu verschmelzen. Sangwind, Grasweizen. Zwei<br>Worte, die \u2013 aus Cinte korrekt \u00fcbersetzt \u2013 fast aus Lylians Heimat-<br>welt h\u00e4tten stammen k\u00f6nnen. Und doch beschrieben sie etwas<br>ganz anderes. Wenn der Sangwind durch die Gr\u00e4ser strich, war es<br>nicht einfach nur ein k\u00fchler Luftzug, der die Bl\u00e4tter zum Rascheln<br>brachte. Er brachte die Pflanzen zum Singen, die Tiere und Men-<br>schen zum Innehalten. Oben auf den D\u00fcnens\u00e4nden standen, im<br>Meer aus Grasweizen fast nicht zu sehen, einige Filzwollschafe, das<br>flauschige Fell wurde auch vom Sangwind nicht zerzaust, in der<br>nat\u00fcrlichen Schutzblase, die diese Tiere umgab. Wesen, korrigierte<br>sie sich im Stillen. In Cinte gab es kein Wort f\u00fcr Tier, und auch kein<br>wirkliches f\u00fcr Pflanze, keines f\u00fcr Mensch, nur ein Wort f\u00fcr Wesen.<br>Eines, das man durch Erdenbuchstaben niemals ausdr\u00fccken k\u00f6nn-<br>te, so fragil, so zerbrechlich war es. \u00dcberhaupt, dieser ganze Planet<br>hier wirkte wie aus einem der wenigen Utopie-Romane, die Lylian<br>als Kind so verschlungen hatte. Wie sie hierhergekommen war, <br>wusste sie nicht, ebensowenig, ob sie \u00fcberhaupt aus einer anderen<br>Welt stammte, oder ob das, was sie als \u201eVergangenheit\u201c bezeichne-<br>te, nicht in Wahrheit nur Tr\u00e4ume waren. W\u00fcrde sie dann ein solches<br>Gef\u00fchl f\u00fcr die hiesige Sprache haben? Cinte, dieses Wort klang so<br>plump und unbeholfen im Vergleich zu dem, was die Sprache wirk-<br>lich war. Lyrisch, trickreich und so wundersch\u00f6n, dass sie einen<br>wohl in den Bann ziehen konnte. Lylian sch\u00fcttelte diese Gedanken<br>ab, was z\u00e4hlte, war die Gegenwart, hier, wo die Windsonne hinter<br>den D\u00fcnens\u00e4nden im Meereshimmel verschwand. Als sie sich zum<br>Gehen wandte, klirrte das Lilienschwert an ihrer H\u00fcfte leise. Nein,<br>klirren war nicht das richtige Wort, das Ger\u00e4usch war viel zarter,<br>leiser und friedlicher. Angeblich hatte die Entdeckerin dieses<br>Planeten einst ein Schwert in Form des Blattes einer Schwertlilie<br>getragen, und jene Lilienschwerter waren die einzige Waffe, die<br>man hier kannte. Waffe, Entdeckerin, Lilienschwert, all diese Worte<br>waren \u2026 falsch. Lylian hatte sie einst als richtig betrachtet, aber die<br>Cinte-W\u00f6rter klangen sehr viel korrekter, treffender. W\u00e4hrend sie<br>durch das Meer aus Grasweizen wanderte, summte Lylian leise vor<br>sich hin, und die gl\u00e4sernen T\u00f6ne mischten sich in die Melodie des<br>Sangwinds.<\/p>\n\n\n\n<p>Magazin Federkiel Ausgabe 1, Hanna<\/p>\n\n\n\n<p>Verwendet f\u00fcr folgendes Produkt des \u00a0w\u00a0\u00f6\u00a0r\u00a0t\u00a0e\u00a0r\u00a0k\u00a0i\u00a0o\u00a0s\u00a0k: <a href=\"https:\/\/www.woerterwerkstatt.com\/?page_id=378\/#poster\">poster<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lylian strich mit den Fingerspitzen durch den silbrigen Graswei-zen. 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