{"id":490,"date":"2020-12-11T10:04:42","date_gmt":"2020-12-11T09:04:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.woerterwerkstatt.com\/?page_id=490"},"modified":"2021-04-30T11:34:39","modified_gmt":"2021-04-30T09:34:39","slug":"die-verschwundenen-bilder","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.woerterwerkstatt.com\/?page_id=490","title":{"rendered":"Die verschwundenen Bilder"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eHappy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday,<br>liebe Jil, happy birthday to you!\u201d, singen alle gemeinsam. Es ist<br>das Ende der Sommerferien, wie immer, wenn Jil Geburtstag hat,<br>aber ihre besten Freunde sind alle da: Tess, ihre beste Freundin<br>seit dem Kindergarten, Lea, das Nachbarsm\u00e4dchen, zwei Freundinnen<br>aus der Klasse, Hugo, ihr Sandkastenfreund, und Luis.<br>Und nicht zu vergessen, Klecks, ihr brauner Mischlingshund mit<br>dem wei\u00dfen Klecks auf dem R\u00fccken. Klecks und Jil sind unzertrennlich,<br>er ist ihr treuester Gef\u00e4hrte. Jil l\u00e4chelt in die Runde<br>ihrer Freunde und dreht verlegen eine ihrer blonden Locken um<br>den Zeigefinger. Auf dem bunt dekorierten Geburtstagstisch steht<br>eine Torte mit zw\u00f6lf Kerzen. Als ihr St\u00e4ndchen zu Ende ist, beugt<br>sich Jil \u00fcber die Torte und bl\u00e4st im ersten Versuch alle Kerzen aus.<br>\u201eWas hast du eigentlich zum Geburtstag bekommen?\u201c, fragt Tess.<br>\u201eIch habe bekommen, was ich mir schon immer gew\u00fcnscht habe:<br>einen gro\u00dfen Bruder\u201c, grinste Jil breit. \u201eDas ist mein Bruder Luis\u201c,<br>stellt Jil ihn vor und knufft Luis freundschaftlich in die Seite.<br>Luis wird schon bald 13!\u201c Sie zwinkert stolz mit ihren tiefblauen<br>Augen. \u201eDas geht doch gar nicht\u201c, Tess schaut ihre Freundin ver-<br>dutzt an, \u201eund hallo Luis, sch\u00f6n dich kennenzulernen!\u201c, nickt sie<br>ihm zu. \u201eDoch jetzt mal im Ernst \u2026\u201c<br>Jil wedelt mit ihren H\u00e4nden den letzten Qualm der ausgeblasenen<br>Kerzen vor ihrem Gesicht weg, legt ihre H\u00e4nde dann langsam<br>auf die Armlehnen ihres Stuhls, schlie\u00dft die Augen, atmet tief<br>ein und beginnt zu erz\u00e4hlen.<br>Es ist eine lange Geschichte. Bis vorgestern war ich mit Mama in<br>Los Angeles, weil sie beruflich f\u00fcr einige Wochen dorthin musste.<br>Ich habe eine Ferienfreizeit besucht: Sport, Spiel und Spa\u00df und<br>sogar \u00dcbernachten am Strand war angesagt. Wir hatten gerade<br>Pause und ich entschied, mit Klecks die Gegend zu erkunden. Ein<br>hei\u00dfer Sommertag, die Wellen platschten an unsere F\u00fc\u00dfe und mir<br>wehte eine warme Brise ins Gesicht, als wir von Stein zu Stein<br>sprangen. Auf einmal wurde Klecks schneller und verschwand<br>immer tiefer im Felslabyrinth. Ich kam kaum hinterher. Erst als<br>er laut bellte, konnte ich meinen Hund wieder orten. \u201eKlecks?\u201c,<br>rief ich, \u201eWas ist los?\u201c Doch er bellte immer weiter. Ich kletterte<br>hinterher, um zu gucken, was er gefunden hatte. Klecks stand<br>vor einem engen Felsspalt, etwa mannshoch. \u201eWas ist das?\u201c, fragte<br>ich mich. \u201eGeht es da etwa hinein?\u201c Doch da war Klecks auch<br>schon auf der anderen Seite und ich folgte, ohne weiter dar\u00fcber<br>nachzudenken. Wir kamen in eine H\u00f6hle so gro\u00df wie ein Zimmer.<br>Nur vereinzelt durchbrachen Sonnenstrahlen, die durch kleine<br>Gesteins\u00f6ffnungen fielen, in zarten, glitzernden Streifen die Dunkelheit<br>vor mir. Ich war verwundert und erschrocken zugleich,<br>als ich einen Jungen hinten in der H\u00f6hle entdeckte, der offensichtlich<br>dort wohnte. Meine Augen schweiften von ihm zu einer<br>Schlafstelle in der Ecke und weiter zu einem Gaskocher und Konservendosen.<br>Klecks st\u00fcrmte auf den Jungen zu und schn\u00fcffelte<br>seltsam vertraut an ihm. Der Junge stand regungslos da in seinen<br>zerrissenen Jeans. Sein schmutziges T-Shirt lie\u00df nur erahnen, dass<br>es einmal hellblau gewesen war. Seine Haare hingen in feuchten<br>Str\u00e4hnen ungeordnet in das sonnengebr\u00e4unte Gesicht. Ich stand<br>ihm mit meinem wei\u00dfen Leinenkleid und dem rosa Strohhut gegen\u00fcber<br>wie aus einer anderen Welt. Der Junge blickte nerv\u00f6s zu<br>mir her\u00fcber. Ich konnte Unsicherheit in seinen dunklen, gro\u00dfen<br>Augen lesen.<br>\u201eWer bist du?\u201c, fragte ich leise. \u201eIch bin Luis\u201c, antwortete der<br>Junge vorsichtig. \u201eWas machst du hier, ganz alleine in der H\u00f6hle?<br>Wohnst du etwa hier?\u201c, bohrte ich weiter. \u201eWarum sollte ich dir<br>das erz\u00e4hlen? Ich kenn dich doch gar nicht\u201c, erwiderte Luis kurz<br>und trocken. \u201eIch bin Jil aus Deutschland und verbringe meine<br>Sommerferien hier in L. A. Meine Mutter hat beruflich in der Stadt<br>zu tun\u201c, erz\u00e4hlte ich. \u201eAha, aus Deutschland und da sprichst du<br>flie\u00dfend meine Sprache?\u201c, unterbrach Luis mich etwas schnippisch.<br>\u201eMein Vater ist Engl\u00e4nder. Meine Kindergartenzeit habe<br>ich in der N\u00e4he von London verbracht. Letztes Jahr haben meine<br>Eltern sich getrennt und jetzt lebe ich mit meiner Mama in Hamburg.\u201c<br>Luis schien langsam Vertrauen zu mir zu fassen und sagte:<br>\u201eIch kann dir meine Geschichte nur erz\u00e4hlen, wenn du mir versprichst,<br>alles f\u00fcr dich zu behalten und mit niemandem dar\u00fcber<br>zu reden, auch nicht mit deiner Mutter.\u201c \u2013 \u201eIndianerehrenwort\u201c,<br>versprach ich ihm und Luis erz\u00e4hlte: \u201eIch bin ein Waisenkind.<br>Meine Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen,<br>als ich noch klein war und andere Verwandte habe ich nicht.\u201c<br>\u201eDas tut mir leid\u201c, warf ich leise ein. Luis hatte Tr\u00e4nen in den Augen<br>und wischte mit seinem Handr\u00fccken \u00fcbers Gesicht. Die Tr\u00e4nen<br>mischten sich mit dem Schmutz und bildeten dunkle Spuren<br>auf seinen Wangen. Ich nahm Luis\u2018 Hand. Gemeinsam setzten wir<br>uns auf einen Stein und Klecks legte sich zu uns. Es war, als w\u00fcrden<br>wir uns schon lange kennen. Luis erz\u00e4hlte weiter: \u201eIch lebte<br>im Waisenhaus. Schrecklich war es da. Kalt, lieblos, immer Strafen.<br>Alptr\u00e4ume lie\u00dfen mich zuletzt nicht mehr schlafen. Ich bin<br>abgehauen. Nur kurz hat man nach mir gesucht. So ein Waisenjunge<br>mehr oder weniger im Heim, wen interessiert das schon \u2026\u201c<br>Ich legte meinen Kopf an seine Schulter, um die Leere zu f\u00fcllen,<br>die er mir beschrieben hatte.<br>Luis fing in Gedanken verloren an, mit einer M\u00fcnze zu spielen.<br>\u201eIst die von deinen Eltern?\u201c, fragte ich. Wieder schaute er erschrocken.<br>\u201eNein, die habe ich gefunden.\u201c \u2013 \u201eGefunden? So eine<br>gro\u00dfe Goldm\u00fcnze? Einfach so?\u201c Ich r\u00fcckte ein St\u00fcck von ihm weg<br>und schaute ihn ernst an. \u201eIch ermittele\u201c, unterbrach er den unangenehmen<br>Moment. \u201eIch glaube, ich bin Schmugglern auf der<br>Spur. Schon h\u00e4ufiger habe ich ein Schiff gesehen, das hier an der<br>K\u00fcste immer wieder ankert. M\u00e4nner kommen mit Beibooten an<br>den Strand. Sie haben verschiedene Holzkisten geladen und brin-<br>gen die Fracht an Land. Letzte Woche ist dabei diese M\u00fcnze aus<br>einer der Kisten gefallen und ich habe sie aufgesammelt. Ich habe<br>die M\u00e4nner dabei beobachtet, wie sie die Kisten in einen Transporter<br>verluden und davonfuhren. Einige Zeit sp\u00e4ter kamen sie<br>zur\u00fcck. Parkten den kleinen LKW am Stra\u00dfenrand. Gingen wieder<br>zu ihren Booten und ruderten zur\u00fcck zum Schiff. Ich h\u00f6rte einen<br>sagen: \u201aDas hat sich gelohnt. Noch eine Tour, heute in einer Woche.<br>Dann haben wir alle Bestellungen vorr\u00e4tig und k\u00f6nnen die<br>Abnehmer treffen.\u2018 Verd\u00e4chtig, findest du nicht? Ich will herausfinden,<br>was da vor sich geht. Seitdem habe ich jeden Tag einen<br>Strich an meine Wand gemalt. Ich habe ja keinen Kalender hier.<br>Heute Morgen den siebten. Also ist es diese Nacht soweit\u201c, endete<br>er. \u201eIch helfe dir\u201c, beschloss ich. \u201eMeine Mama ist bei der Kripo.\u201c \u2013<br>\u201eOh nein\u201c, wetterte Luis los, \u201eauch das noch. Ich erz\u00e4hl meine Geschichte<br>quasi direkt den Bullen. Das glaub ich ja nicht.\u201c \u201eSo ein<br>Quatsch\u201c, stoppte ich sein Schimpfen. \u201eIch bin ein Kind wie du<br>und nicht die Polizei. Und der Job meiner Mutter kann im Ernstfall<br>nur hilfreich sein. Jetzt bleib mal auf dem Teppich. Ich bin<br>heute Nacht dabei.\u201c Er willigte ein: \u201eNa gut, danke. Vielleicht ist<br>es besser, nicht allein zu sein. Essen habe ich genug und auf der<br>Matratze kann man auch zu zweit schlafen. Aber was sagst du<br>deiner Mutter?\u201c \u201eIch bin eigentlich gerade in einem Feriencamp<br>und wir \u00fcbernachten heute am Strand. Meine Mutter hat Dienst.<br>Das Camp ist allerdings so schlecht organisiert, dass die mich sicher<br>nicht vermissen. Oh Gott, wenn Mama das w\u00fcsste \u2026 Aber<br>sie erwartet mich erst morgen Mittag und bis dahin sollte ich zu<br>Hause sein. Hoffentlich.\u201c<br>Wir machten uns Dosensuppe. Normalerweise esse ich keine<br>Dosensuppe. Aber heute schmeckte sie mir seltsamerweise. Wir<br>quatschten noch lange und schauten die Sterne an. Luis wollte<br>mehr vom Job meiner Mutter erfahren. Sein Vater war wohl bei<br>der CIA. Schon wieder f\u00fchlten wir uns irgendwie verbunden.<br>Ich erz\u00e4hlte, dass meine Mutter Kunstdieben auf der Spur ist.<br>Die deutschen Maler Gerhard Richter und Sigmar Polke geh\u00f6ren<br>zu den weltweit gefragtesten K\u00fcnstlern, die noch leben. Immer<br>wieder sind in letzter Zeit Werke dieser K\u00fcnstler verschwunden.<br>Genauso pl\u00f6tzlich tauchten die Bilder aber auch wieder auf. Die<br>Spur konnte nach China zur\u00fcckverfolgt werden. Es gibt viele junge<br>chinesische K\u00fcnstler, die perfekt ausgebildet sind, solche Werke<br>t\u00e4uschend echt zu f\u00e4lschen. Weiter f\u00fchrte die Spur vom Hafen<br>in Taipeh bis nach Los Angeles \u2026 Wir redeten, bis uns die Augen<br>zufielen und wir nur noch den Wellen lauschten. Ich schlief ein.<br>Mitten in der Nacht weckte mich Luis. Er zeigte wortlos<br>durch zwei gro\u00dfe Felsen hinaus aufs Meer. Man sah die Lichter<br>eines Schiffes, das ruhig vor der K\u00fcste lag. Langsam sahen wir<br>kleine Boote wie dunkle Nussschalen auf den seichten Wellen<br>schaukeln. Sie kamen n\u00e4her und n\u00e4her zum Strand. Man h\u00f6rte<br>Man\u00f6verkommandos und bald strandeten zwei Boote und drei<br>M\u00e4nner stiegen aus. Mit M\u00fche hievten sie Holzkisten von den<br>Booten, gro\u00dfe und kleine, schwerere und leichte, wie es wirkte.<br>\u201eDas sind sie!\u201c, fl\u00fcsterte Luis. Die M\u00e4nner schleppten ihre Fracht<br>\u00fcber den Strand Richtung K\u00fcstenstra\u00dfe. \u201eKomm, wir gehen ihnen<br>hinterher.\u201c Luis zog an meiner Hand. \u201eKlecks\u201c, zischte ich und er<br>folgte uns wie ein Schatten. Zu dritt schlichen wir vorsichtig an<br>den Felsen entlang, die uns Deckung gaben. Es war stockdunkel.<br>Selbst der Mond spendete kaum Licht und stand nur als schmale<br>Sichel am Himmel. Der am Tag noch hei\u00dfe Sand war abgek\u00fchlt.<br>Die Brise war st\u00e4rker geworden und wirbelte meinen Hut vom<br>Kopf. Vor Schreck strauchelte ich. \u201eMist\u201c, entfuhr es mir. Warum<br>hatte ich diesen doofen Hut \u00fcberhaupt aufgesetzt?<br>Wir erreichten die Mauer, die den Strand von der Stra\u00dfe<br>trennte und fanden eine br\u00fcchige Stelle, durch die wir sehen<br>konnten, wie die M\u00e4nner den Kleinlaster beluden. Dann rauchten<br>die drei vor dem Auto eine Zigarette, w\u00e4hrend die Ladeklappen<br>noch offen standen. Ich \u00fcberlegte nicht lange, stieg rasch<br>\u00fcber die kleine Mauer und sprang fast ger\u00e4uschlos auf die Ladefl\u00e4che.<br>Klecks hatte mich schon \u00fcberholt. Luis konnte weder rufen<br>noch schimpfen, ohne uns zu verraten. Es blieb ihm keine<br>Wahl. Er folgte uns. Wir h\u00f6rten, wie die M\u00e4nner ihre Raucherpause<br>beendeten. Shit, was nun? Wir mussten uns irgendwie verstecken,<br>sonst w\u00fcrden sie uns erwischen. Ich f\u00fchlte Panik in mir<br>aufsteigen. Da sah ich eine gr\u00f6\u00dfere, leere Kiste in der Ecke, der<br>Deckel war aufgeklappt. Ich zog an Luis\u2018 T-Shirt und kroch in die<br>Kiste. Luis hinterher. Klecks gab ich ein Handzeichen den Transporter<br>zu verlassen und schupste ihn leicht Richtung Ausgang.<br>Zum Gl\u00fcck verstanden wir uns blind. Die erste T\u00fcr des Laderaums<br>fiel ins Schloss. Klecks st\u00fcrmte los und schl\u00fcpfte durch die verbleibende<br>\u00d6ffnung.<br>\u201eWas war das? Wer ist da?\u201c, brummte der Dicke und wollte<br>auf die Ladefl\u00e4che. Mein Herz pochte bis zum Hals. Ich hatte das<br>Gef\u00fchl husten zu m\u00fcssen und versuchte meine eigene Spucke zu<br>schlucken, um keinen Ton von mir zu geben. Ein Kollege hielt den<br>Mann offensichtlich zur\u00fcck. \u201eNichts als ein Stra\u00dfenk\u00f6ter. Die gibt<br>es hier am Strand zuhauf\u201c, raunte er und knallte die zweite T\u00fcre<br>zu. Ich atmete erleichtert auf. Luis erkl\u00e4rte mich f\u00fcr verr\u00fcckt. \u201eDu<br>m\u00f6chtest doch auch unbedingt herausfinden, was die vorhaben.<br>Das k\u00f6nnen wir nur aufkl\u00e4ren, wenn wir mitkommen!\u201c, fl\u00fcsterte<br>ich. \u201eDu hast zu viele Krimis gesehen\u201c, zischte Luis. \u201eNein, ich bin<br>nur die Tochter meiner Mutter.\u201c<br>Die Kiste lie\u00df uns zum Gl\u00fcck genug Luft zum Atmen und<br>durch einen Spalt, der offensichtlich sogar der Bel\u00fcftung dienen<br>sollte, konnten wir einiges sehen. Der LKW fuhr los. Die Fahrt<br>dauerte nur etwa f\u00fcnf Minuten. Die M\u00e4nner stiegen aus und entluden<br>die Fracht. Bis schlie\u00dflich nur noch wir verpackt in der<br>Ecke standen. \u201eDie Kiste auch?\u201c, brummte der Dicke. \u201eAlles\u201c, war<br>die Antwort. Der Dicke versuchte sich st\u00f6hnend an unserem Versteck.<br>\u201eDas Ding ist so schwer, das bekomm ich da nicht runter.\u201c<br>\u201eDie Dumpfbacke soll dir helfen. Schleppen kann er ja. Habt das<br>Ding ja auch drauf bekommen.\u201c Wir h\u00f6rten ein h\u00e4misches Lachen<br>und ein Husten, dann bewegte sich unser Versteck. Ich st\u00fctzte<br>mich an Luis und presste meine F\u00fc\u00dfe fest gegen die Seitenwand,<br>schwitzend vor Angst. \u201eDie Kiste war aber nicht auf dem Schiff\u201c,<br>murmelte der Dicke wieder. \u201eLass mal nachsehen, was das ist.\u201c<br>Wir hielten den Atem an. Versuchten so leise wie m\u00f6glich zu sein.<br>Mein Herz pochte zum Zerspringen. \u201eSchlepp endlich den Schei\u00df<br>raus und frag nicht. F\u00fcr dumme Fragen gibt\u2019s hier keine Asche<br>und nur wegen der Asche bin ich hier\u201c, meckerte der Typ, den sie<br>Dumpfbacke nannten.<br>\u201ePuh, das war knapp!\u201c, fl\u00fcsterte ich. Wir wurden in ein gro\u00dfes, <br>altes Haus getragen. \u201eWas ist das f\u00fcr ein Haus?\u201c, fragte ich<br>Luis mit Gesten. \u201eDas ist ein altes Hotel. Es ist vor vielen Jahren<br>wegen einiger kurioser Ereignisse pleitegegangen. Einmal ist sogar<br>eine Schauspielerin, die hier Urlaub machte, einfach spurlos<br>verschwunden und bis heute nicht mehr aufgetaucht, erz\u00e4hlt<br>man sich. Keiner wollte mehr hier wohnen oder Urlaub machen.<br>Anwohner sagen, sie w\u00fcrden hier nachts Lichter und dunkle Ge-<br>stalten sehen. Seitdem wird es von jedem das Geisterhotel genannt.<br>Aber wer die dunklen Gestalten sind, die nachts hier einund<br>ausgehen, wissen wir jetzt und den Rest werden wir herausfinden\u201c,<br>fl\u00fcsterte Luis fast tonlos zur\u00fcck. Er wurde k\u00fchner und<br>mutiger, w\u00e4hrend sich bei mir nun Angst und Grusel mischten.<br>Wir schienen die Rollen zu tauschen.<br>Der Dicke und Dumpfbacke trugen unsere Kiste eine Treppe<br>hinauf und stellten uns unsanft in einem gro\u00dfen Salon ab.<br>Aua. Durch den Spalt in der Kiste konnte man das heruntergekommene<br>Hotel sehen. Die Tapeten an den W\u00e4nden l\u00f6sten sich<br>ab. Morsche Holzbalken knarzten und T\u00fcren hingen schief in<br>den Angeln. Schwere, verstaubte Vorh\u00e4nge zierten hohe Fenster.<br>Ein Sofa aus Samt und ein Himmelbett konnte ich au\u00dferdem erkennen<br>und ich konnte den Glanz l\u00e4ngst vergangener Jahre erahnen.<br>Doch was war das? Der Mann, der hier der Anf\u00fchrer zu sein<br>schien, hob Teile des Bodens hoch. Dann wurden wir angehoben<br>und etwas tiefer wieder abgestellt. \u201eEin doppelter Boden!\u201c, entwischte<br>es mir vor Schreck. Die anderen Kisten waren bereits vor<br>uns hier und die M\u00e4nner schlossen nun die letzte \u00d6ffnung der<br>Holzdielen \u00fcber uns. Man h\u00f6rte, wie sie M\u00f6bel r\u00fcckten und den<br>Raum verlie\u00dfen. \u201eOh verdammt, wie sollen wir hier je wieder herauskommen?\u201c<br>Ich wurde total panisch, atmete viel zu schnell,<br>mein Kopf begann zu dr\u00f6hnen. \u201eWir m\u00fcssen zuerst aus der Kiste,<br>dann sehen wir weiter\u201c, beruhigte mich Luis. Aber die Kiste ging<br>nicht auf, der Zwischenraum war zu niedrig. \u201eWir lehnen uns<br>jetzt gleichzeitig an eine Seitenwand, bis die Kiste kippt und der<br>Deckel zur Seite f\u00e4llt. Dann k\u00f6nnen wir raus\u201c, befahl Luis. Sein<br>Plan ging auf. \u00dcberall sahen wir Bilder gestapelt, Statuen, Vasen<br>und Skulpturen. Eine Hehlerbande.<br>\u201eHier sind wir gefangen! Sicher versteckt vor der Au\u00dfenwelt,<br>wie die Sch\u00e4tze hier\u201c, jammerte ich hoffnungslos. \u201eVielleicht<br>nicht!\u201c, antwortete Luis und zeigte auf eine Klappe an der Wand.<br>\u201eDas ist ein alter W\u00e4scheschacht, durch den die Zimmerm\u00e4dchen<br>fr\u00fcher die W\u00e4sche direkt in den Waschkeller werfen konnten.<br>Schaffst du es dort hinunterzuklettern?\u201c Es war nicht wirklich<br>eine Frage von Luis. Er robbte los. Ich folgte ihm. \u201eStreck Arme<br>und Beine aus und versuche dich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen so gut<br>es geht an den Schachtw\u00e4nden abzust\u00fctzen. Dann kleine Bewegungen<br>nach unten. Es d\u00fcrfte nur ein Stockwerk sein\u201c, Luis kletterte<br>ge\u00fcbt und fast m\u00fchelos voran. Ich vorsichtig hinterher. Ich<br>konnte mich kaum halten. Rutschte immer wieder ab. Das blanke<br>Metall quietschte unter meinen feuchten H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen. Als<br>ich nur noch wenige Meter \u00fcber dem Boden war, konnte ich mich<br>nicht mehr halten. Mein linker Fu\u00df rutschte weg, dann meine<br>H\u00e4nde. Ich st\u00fcrzte die letzten Meter den W\u00e4scheschacht hinunter<br>mit einem panischen Schrei. \u201eJil?\u201c, rief Luis erschrocken. Doch ich<br>landete weich in der W\u00e4sche von damals, die bis dahin niemand<br>wegger\u00e4umt hatte. Gl\u00fcck gehabt! \u201eAlles gut!\u201c, beruhigte ich Luis<br>und mich. Es roch muffig und die Luft war feucht. Versehentlich<br>rannte ich gegen einen alten W\u00e4schest\u00e4nder.<br>Von drau\u00dfen h\u00f6rten wir Stimmen. \u201eIch habe dir doch gesagt,<br>da ist jemand!\u201c, wetterte der Dicke wieder. \u201eVerriegelt die<br>T\u00fcren. Ich drehe das Wasser auf\u201c, kommandierte der Anf\u00fchrer.<br>Pl\u00f6tzlich lief Wasser aus den Versorgungsrohren an den W\u00e4nden,<br>die fr\u00fcher wahrscheinlich die Maschinen betrieben hatten.<br>\u201eWir sitzen in der Patsche. Wir werden hier ertrinken\u201c, fl\u00fcsterte<br>ich panisch. Auch Luis bekam Angst. Das konnte ich sehen. Die<br>schweren Eisent\u00fcren verriegelten den Raum nahezu dicht. Der<br>geflieste Boden und die gekachelten W\u00e4nde machten ihn jetzt zu<br>einem Schwimmbecken. Durch das Fenster blickte man lediglich<br>in einen schmalen Lichtschacht. Der zudem mit einem Gitter gesch\u00fctzt<br>war. Auch hier gab es kein Entkommen. \u201eKlettern wir auf<br>die alten B\u00fcgelautomaten dort, das bringt uns mindestens eine<br>Stunde\u201c, h\u00f6rte ich Luis wie von ganz weit weg zu mir sprechen.<br>Er stieg zuerst hinauf, dann ich.<br>Wir h\u00f6rten die M\u00e4nner drau\u00dfen wieder reden. \u201eWo ist die<br>Ware?\u201c, fragte eine neue M\u00e4nnerstimme. \u201eSp\u00e4ter. \u00d6ffnen Sie zuerst<br>den Koffer und lassen Sie mich die Scheinchen sehen\u201c, entgegnete<br>der Anf\u00fchrer. Wahrscheinlich findet gleich eine \u00dcbergabe<br>statt, dachte ich. W\u00e4hrend sich meine Gedanken entfernten,<br>fing ich an, ein altes Lied zu pfeifen, das meine Oma mir immer<br>vorgesungen hatte: \u201eEinmal um die ganze Welt und die Taschen<br>voller Geld, davon hab ich schon als kleines Kind getr\u00e4umt \u2026\u201c<br>Wenn das Ende naht, zieht die Vergangenheit noch einmal an<br>einem vorbei, hatte ich einmal geh\u00f6rt.<br>\u201eWas ist das?\u201c, fragte drau\u00dfen die neue Stimme. \u201eAch, nur<br>Dumpfbacke, ein total verpeilter Kollege\u201c, entgegnete der Dicke.<br>Egal, ich pfiff weiter, w\u00e4hrend das Wasser stieg. Und es stieg<br>schneller, als wir zuerst geglaubt hatten. Mir kullerte eine Tr\u00e4ne<br>aus dem Auge. \u201eDas ist alles meine Schuld, h\u00e4tte ich dich nicht<br>dazu \u00fcberredet, in den LKW zu steigen, w\u00e4re das gar nicht passiert.\u201c<br>Ich schniefte und pfiff jetzt noch lauter, um nicht \u00fcber<br>unser Ertrinken nachdenken zu m\u00fcssen. \u201eDas stimmt doch gar<br>nicht, ich habe dir doch \u00fcberhaupt erst von den Schmugglern<br>erz\u00e4hlt \u2026\u201c Luis wurde von Hundegebell unterbrochen. \u201eKlecks?<br>Bist du das?\u201c, ich schaute mich um. Blickte erwartungsvoll zum<br>Lichtschacht, sah aber nichts. Wir h\u00f6rten Ger\u00e4usche an der T\u00fcr.<br>Oh nein, sind die das wieder? Bitte, tut Klecks nichts \u2026 Meine Gedanken<br>fuhren Achterbahn. Ich schloss die Augen und h\u00f6rte, wie<br>die T\u00fcr sich \u00f6ffnete. Da bellte es wieder. Ich blinzelte zaghaft. Sah<br>wie das Wasser aus dem Raum schoss und Klecks nach drau\u00dfen<br>sp\u00fclte. Dann erkannte ich meine Mutter. \u201eMama!\u201c Ich sprang von<br>der Maschine und watete ihr durch das Wasser entgegen. Wir<br>st\u00fcrzten uns in die Arme. Meine Mutter bat mich mit ernstem<br>Blick, hier im Waschraum leise zu warten. Ich wusste, sie w\u00fcrde<br>mich nicht in Gefahr bringen, trotzdem w\u00e4re ich in diesem Moment<br>tausendmal lieber bei ihr geblieben.<br>Mama verlie\u00df den Raum. Wenig sp\u00e4ter h\u00f6rte ich Autos anfahren.<br>Schaute durch die T\u00fcr nach drau\u00dfen. Streifenwagen fuhren<br>vor, bewaffnete Polizisten sprangen aus den Fahrzeugen und<br>umstellten das Geb\u00e4ude blitzschnell. Es gab kein Entkommen<br>mehr f\u00fcr die Bande. Sie wurden geschnappt und die Hehlerware<br>sichergestellt. Darunter auch die Bilder der deutschen K\u00fcnstler,<br>die meine Mutter gesucht hatte. Unglaublich, wir hatten Mamas<br>Fall gel\u00f6st. Aber statt mich zu loben, schimpfte sie jetzt, wie gef\u00e4hrlich<br>das war, was wir getan hatten. Doch Mama konnte nicht<br>b\u00f6se sein. Sie war viel zu gl\u00fccklich, uns gerettet zu haben, und<br>dr\u00fcckte Luis und mich ganz fest an sich. \u201eJetzt k\u00f6nnen wir ja zur\u00fcck<br>nach Hause\u201c, sagte sie ger\u00fchrt, mit Tr\u00e4nen in den Augen.<br>\u201eNur, wenn Luis mitkommt und bei uns bleibt\u201c, entgegnete ich<br>sehr bestimmt.<br>\u201eUnd wie man unschwer sieht, Jil hat sich einmal wieder durchgesetzt\u201c,<br>triumphierte Tess, ihre beste Freundin, die Jil nur zu<br>gut kannte. \u201eDu erlebst die gef\u00e4hrlichsten und verr\u00fccktesten Geschichten.<br>Wenn du gro\u00df bist, musst du ein Buch schreiben. Wer<br>wei\u00df, vielleicht heiratest du sogar einmal deinen gro\u00dfen Bruder\u201c,<br>zwinkerte sie. \u201eEins ist klar, wir alle w\u00fcrden zu eurer Hochzeit<br>kommen.\u201c Die Freunde lachten und Tess griff nach einem Muffin,<br>den sie sich gen\u00fcsslich in den Mund stopfte. \u201eHappy birthday!\u201c<br>sagte sie. \u201eHappy End!\u201c, sagte Jils Mutter, \u201edie Papiere sind<br>da. Luis kann bei uns bleiben und ich darf ihn als meinen Sohn<br>adoptieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcnchner Kinder-Krimipreis 2020, Teresa Marie S.<\/p>\n\n\n\n<p>Verwendet f\u00fcr folgendes Produkt des \u00a0w\u00a0\u00f6\u00a0r\u00a0t\u00a0e\u00a0r\u00a0k\u00a0i\u00a0o\u00a0s\u00a0k: <a href=\"https:\/\/www.woerterwerkstatt.com\/?page_id=378\/#dreiecksschachtel\">dreiecksschachtel<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eHappy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday,liebe Jil, happy birthday to you!\u201d, singen alle gemeinsam. 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