{"id":527,"date":"2021-01-04T12:49:53","date_gmt":"2021-01-04T11:49:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.woerterwerkstatt.com\/?page_id=527"},"modified":"2021-04-30T11:33:58","modified_gmt":"2021-04-30T09:33:58","slug":"der-korallenklau","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.woerterwerkstatt.com\/?page_id=527","title":{"rendered":"Der Korallenklau"},"content":{"rendered":"\n<p>Es war einfach atemberaubend. Noch viel sch\u00f6ner, als ich es mir<br>jemals selbst in meinen k\u00fchnsten Tr\u00e4umen h\u00e4tte vorstellen k\u00f6n-<br>nen. Seit zwei Wochen machten wir bereits Urlaub in Australien<br>und eine weitere w\u00fcrden wir noch bleiben \u2013 ganz in der N\u00e4he, am<br>Strand. Heute war endlich der ersehnte Tag gekommen, an dem<br>wir mit Pressluftflaschen und einem F\u00fchrer in das Great Barrier<br>Reef tauchen durften. Fasziniert wandte ich mich um. Hinter mir<br>schwammen einige Pazifische Kugelkopf-Papageienfische, auch<br>Chlorurus spilurus genannt, vorbei. Staunend nahm ich all diese<br>unterschiedlichen Farben, Formen, Tiere und Pflanzen in mich<br>auf. Als ich mich wieder umwandte, um das Ganze meinen Eltern<br>zu zeigen und unseren F\u00fchrer zu fragen, um welche Art es sich<br>bei einem der kleineren Fische handelte, war jedoch niemand<br>mehr zu sehen. Zwar konnte ich von hier aus erkennen, wo sich<br>die K\u00fcste befand, allerdings hatte ich nicht vor, diese einzigarti-<br>ge Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen \u2013 daf\u00fcr hatte<br>ich mich viel zu sehr hierauf gefreut. Also begann ich auf eigene<br>Faust, die n\u00e4here Umgebung zu erkunden und versuchte, mich<br>nicht zu sehr von all dem blenden zu lassen, sondern stetig wei-<br>ter nach den Erwachsenen Ausschau zu halten. Und tats\u00e4chlich<br>\u2013 schon nach wenigen Minuten sah ich eine Taucherflosse hinter<br>einem Felsen verschwinden. Nat\u00fcrlich schwamm ich direkt da\u00ad<br>rauf zu, denn meine Eltern schienen mich noch nicht bemerkt<br>zu haben. Doch kurz bevor ich die Felsen umrundete, fiel mir auf,<br>dass die Flossen die falsche Farbe hatten. Au\u00dferdem vernahm ich<br>aus der Richtung, die der \u2013 oder die \u2013 Taucher eingeschlagen hat-<br>ten, ein merkw\u00fcrdiges Ger\u00e4usch. Eigentlich m\u00fcsste ich jetzt zu-<br>r\u00fcckschwimmen und auf meine Eltern warten, dachte ich. Aber<br>meine Neugier war geweckt. Daher lugte ich vorsichtig um die<br>Felsen herum. Von hier aus hatte ich die beiden M\u00e4nner \u2013 nun<br>konnte ich erkennen, dass es zwei waren \u2013 gut im Blick. Trotzdem<br>verstand ich zun\u00e4chst nicht, was die beiden taten. Verwundert<br>sah ich dabei zu, wie die Unbekannten Plastikt\u00fcten und jeweils<br>ein Messer aus ihren Beuteln zogen. Ein gro\u00dfer Schwarm Fische<br>zog an mir vorbei, doch ich war zu nerv\u00f6s, um sie zu bestimmen.<br>Au\u00dferdem versperrten sie mir die Sicht. Was ich nicht wusste: Ei-<br>ner der M\u00e4nner sah sich nochmal pr\u00fcfend um, aber auch er konn-<br>te mich von seiner Position aus nicht sehen und so entdeckte er<br>mich nicht. Dann, endlich, war auch der letzte der Fische ver-<br>schwunden. Jetzt wurde mir auch klar, was die beiden Taucher da<br>taten; sie schabten vorsichtig einige der Korallen ab und steckten<br>sie in die mitgebrachten Gef\u00e4\u00dfe. Entsetzt sah ich dabei zu, wie<br>sie ein letztes Meereslebewesen verstauten und ihre Sachen so<br>wegpackten, dass nichts mehr auf das Verbrechen hinwies \u2013 und<br>ich war mir sicher, dass es sich um eines handelte. Unser F\u00fchrer<br>hatte es vor der Tour immer wieder betont: \u201eDas Mitnehmen und\/<br>oder Besch\u00e4digen von Korallen ist im gesamten Schutzgebiet aus-<br>dr\u00fccklich verboten!\u201c<br>Inzwischen hatten sich die Taucher auf den Weg gemacht<br>und ich fragte mich kurz, ob ich lieber bleiben und nach dem Rest<br>der Gruppe Ausschau halten oder den M\u00e4nner folgen sollte. Doch<br>letztendlich siegten Wut und Emp\u00f6rung und ich begann langsam<br>hinter ihnen her zu schwimmen, immer darauf bedacht, in De-<br>ckung zu bleiben und gen\u00fcgend Abstand zu halten. Bereits nach<br>wenigen Minuten erreichten wir eine kleine Bucht, die von drei<br>Seiten von hohen Klippen begrenzt wurde und scheinbar nur<br>vom Meer aus zu erreichen war. Ein St\u00fcck vor der K\u00fcste streckte<br>ich meinen Kopf aus dem Wasser und beobachtete, wie die M\u00e4n-<br>ner an Land gingen und mitsamt den Korallen in einer \u00d6ffnung<br>in der Felswand verschwanden, die ich zuvor gar nicht bemerkt<br>hatte. Nachdem sie aus meinem Sichtfeld verschwunden waren,<br>entschied ich mich dazu, umzukehren \u2013 meine Eltern machten<br>sich bestimmt schon gro\u00dfe Sorgen. Als ich wieder an den Aus-<br>gangspunkt meiner Observierung gelangt war, war es nicht wei-<br>ter schwierig, die Erwachsenen wiederzufinden. Wir verbrachten<br>noch eine sch\u00f6ne Zeit am Riff, aber meine Gedanken wanderten<br>immer wieder zu den geklauten Korallen zur\u00fcck. Den Rest des<br>Tages nutzte ich dazu, einige der Bilder auf meinem Handy zu<br>l\u00f6schen \u2013 eine m\u00fchselige Angelegenheit, da dieses aus unerfind-<br>lichen Gr\u00fcnden alles doppelt und an unterschiedlichen Orten ab-<br>speicherte.<br>Am n\u00e4chsten Morgen sagte ich meinen Eltern, dass ich einen aus-<br>gedehnten Spaziergang unternehmen und Tiere beobachten w\u00fcr-<br>de und diese, noch im Halbschlaf, nickten nur. Das war allerdings<br>nicht das, was ich tats\u00e4chlich vorhatte. Stattdessen machte ich<br>mich auf den Weg zu der Bucht, in der ich die M\u00e4nner zuletzt ge-<br>sehen hatte. Ich wollte mir diesen Gang, falls er tats\u00e4chlich auf<br>die andere Seite der Klippen f\u00fchrte, genauer ansehen, in der Hoff-<br>nung, dort die Korallen zu finden. Als ich dort ankam, versicherte<br>ich mich nochmals, dass man nicht auf normalem Wege in sie<br>hineinkommen konnte. Daher beschloss ich, nach dem anderen<br>Ende des Tunnels zu suchen. Systematisch fing ich auf einer Seite<br>an, die Felswand abzutasten, sah hinter hervorstehenden Felsen,<br>B\u00fcschen und B\u00e4umen nach. Tats\u00e4chlich wurde ich nach einiger<br>Zeit f\u00fcndig: Ein schmaler, niedriger Gang fing hinter einem gro-<br>\u00dfen Stein an. Es war sehr dunkel, daher schaltete ich die Taschen-<br>lampenfunktion meines Handys an. Der Weg wurde immer nied-<br>riger und schmaler, sodass ich kriechen musste. Schon nach nicht<br>allzu langer Zeit wurde mir klar, dass die massigen M\u00e4nner hier<br>nicht hindurchpassen konnten, zumal ich sehr schmal gebaut<br>war. Au\u00dferdem erkannte ich, als ich vor mich leuchtete, dass die<br>H\u00f6hle ein St\u00fcckchen vor mir endete. Also hatte ich ein falsches<br>Schlupfloch gefunden. Seufzend kroch ich r\u00fcckw\u00e4rts wieder aus<br>dem Loch heraus. Es wird noch lange dauern, bis ich alles abge-<br>sucht habe, dachte ich bei mir. Doch damit lag ich falsch. Nach ei-<br>nigen Minuten h\u00f6rte ich Stimmen, die aus dem Nichts zu kommen<br>schienen. Schnell versteckte ich mich zwischen einigen Felsen<br>und horchte. \u201eWieso konnten wir die Ladung nicht in der Nacht<br>\u00fcberbringen? Das w\u00e4re viel sicherer gewesen!\u201c, schimpfte eine<br>mir unbekannte Stimme. \u201eDu wei\u00dft doch, was Maulwurf gesagt<br>hat! Es war nicht m\u00f6glich!\u201c, meinte jemand anderes. Ich h\u00f6rte et-<br>was rascheln und lugte um den Stein herum. Zwei M\u00e4nner ka-<br>men hinter einem Busch hervor und ich brauchte einen Moment,<br>bis ich in den wie Urlaubern gekleideten und Koffer tragenden<br>M\u00e4nnern die Gauner von gestern erkannte. Einer von ihnen, mit<br>schwarzen Locken und einem Strohhut, sah sich um und ich zog<br>blitzschnell meinen Kopf zur\u00fcck. Mein Herz h\u00e4mmerte wie wild.<br>Hatten die beiden mich entdeckt? Einige angespannte Momente<br>verstrichen, dann h\u00f6rte ich sich entfernende Schritte. Vorsichtig<br>verlie\u00df ich mein Versteck. Sollte ich lieber nachsehen, wohin die<br>M\u00e4nner gingen oder wie geplant den Gang durchsuchen? Nach<br>kurzem \u00dcberlegen entschied ich mich zu Ersterem, denn die H\u00f6h-<br>le konnte ich auch noch sp\u00e4ter untersuchen und au\u00dferdem hatte<br>ich keine Lust, darin von den Verbrechern \u00fcberrascht zu werden.<br>Ich schlug also die entsprechende Richtung ein. Es dauerte ein<br>wenig, bis ich die anderen eingeholt hatte. Sie wirkten wie ganz<br>normale Touristen und nur wenn man genau darauf achtete, fiel<br>einem auf, dass sie sich immer wieder nerv\u00f6s umsahen \u2013 ich<br>musste wirklich aufpassen, damit sie mich nicht entdeckten.<br>Der Weg f\u00fchrte durch eine eher abgelegene Gegend. Nur einmal<br>kam ein \u00e4lteres Ehepaar vorbei. Nach etwa zehn Minuten blie-<br>ben die M\u00e4nner schlie\u00dflich stehen. Ich versteckte mich hinter<br>einigen B\u00fcschen und w\u00e4hrend die beiden sich f\u00fcr mich unh\u00f6r-<br>bar unterhielten, hatte ich die Gelegenheit, mich genauer um-<br>zusehen. Auf drei Seiten erstreckte sich eine weitgehend ebene<br>Fl\u00e4che, stellenweise von Felsen und B\u00fcschen durchbrochen. Ein<br>St\u00fcck vor mir befand sich ein hoher Stacheldrahtzaun, dahinter<br>konnte ich einige Flugzeuge sowie ein Rollfeld und ein kleines<br>Flughafengeb\u00e4ude ausmachen. Auf unserer H\u00f6he direkt hinter<br>der Abgrenzung stand eines der Fahrzeuge, die das Gep\u00e4ck zu den<br>Flugzeugen bringen. W\u00e4hrenddessen hatten die Beschatteten ihr<br>Gespr\u00e4ch beendet. Einer von ihnen \u2013 der ohne Hut, der offen-<br>bar der Chef war \u2013 vergewisserte sich nochmals, dass niemand<br>zu sehen war. Mich entdeckte er nicht. Schlie\u00dflich, w\u00e4hrend ich<br>mein Handy wieder herauskramte und begann ein Video aufzu-<br>nehmen, griff er an eine bestimmte Stelle des massiven Zauns<br>und bog ihn einfach so zur Seite. Anschlie\u00dfend schob er einen<br>Koffer durch das Loch auf den Wagen. Das hatten sie also vor! Sie<br>wollten die Korallen au\u00dfer Landes bringen, wo sie vermutlich ein<br>Komplize teuer verkaufte. Ich schnappte nach Luft. In der Stille<br>der Umgebung h\u00f6rte man das normalerweise kaum bemerkbare<br>Ger\u00e4usch deutlich. Ruckartig drehten sich die Korallendiebe zu<br>mir um. Mist!, dachte ich, denn es schien so, als h\u00e4tten sie mich<br>bemerkt. Mein Herz rutschte mir in die Hose. In der Tat st\u00fcrmte<br>der Anf\u00fchrer nun auf mich zu, w\u00e4hrend der andere seine Koffer<br>noch durch den Zaun schob. Mehr sah ich nicht mehr, denn ich<br>rannte so schnell ich konnte in die entgegengesetzte Richtung,<br>noch im Lauf beendete ich das Video. Doch der deutlich flinkere<br>Mann holte rasch auf. Ich begann zu keuchen, mein Brustkorb<br>bebte und mein Herz schlug heftig. Dann, nach nur wenigen hun-<br>dert Metern, packte er mich. Ich wehrte mich nach Kr\u00e4ften, aber<br>ich hatte keine Chance. In Sekundenschnelle hatte er mich so,<br>dass ich mich kaum bewegen konnte und hielt mein Handy in<br>seiner Hand. Jetzt kam auch der mit dem Strohhut angeschnauft.<br>Der Chef hielt mein Mobiltelefon hoch und meinte ver\u00e4rgert: \u201eDas<br>kleine Mistvieh hat alles gesehen \u2013 und gefilmt!\u201c Er sah mich fins-<br>ter an. \u201eDas Video k\u00f6nnen wir l\u00f6schen, aber was machen wir mit<br>dem Kind?\u201c Er blickte Strohhut an. \u201eKeine Ahnung\u201c, meinte der,<br>\u201evielleicht k\u00f6nnen wir es in die H\u00f6hle sperren?\u201c \u201eMmh.\u201c Eine kur-<br>ze Pause folgte. \u201eNun gut. Als Notl\u00f6sung wird es reichen, wir m\u00fcs-<br>sen sowieso noch einiges verladen, aber auf Dauer m\u00fcssen wir<br>uns etwas anderes einfallen lassen.\u201c Ich versuchte erneut ihnen<br>zu entkommen, aber sie schleiften mich erbarmungslos weiter.<br>Wir erreichten wieder die Klippen und ich verschwand mit den<br>M\u00e4nnern in dem Gang. Nun bekomme ich ihn also doch noch zu<br>sehen, dachte ich verbittert, wenn auch unter etwas anderen Um-<br>st\u00e4nden als geplant.<br>Ein paar Meter weiter nahm Strohhut einen losen Stein aus der<br>Wand und holte einen Schl\u00fcssel aus dem Hohlraum heraus. \u201eVer-<br>flixt nochmal, zeig halt gleich alle Verstecke her!\u201c, rief der Chef,<br>nun richtig w\u00fctend. \u201eWird dem Kind doch sowieso nicht hel-<br>fen\u201c, murmelte der Angesprochene eingesch\u00fcchtert und blickte<br>zu Boden. Dann schloss er eine T\u00fcr zu meiner Rechten auf, die<br>mir zun\u00e4chst nicht aufgefallen war. Zu fieberhaft hatte ich \u00fcber-<br>legt, wie ich aus dieser Misere wieder herauskommen k\u00f6nnte. Sie<br>schoben mich durch die \u00d6ffnung, schnappten sich weitere Koffer<br>und schlugen die massive T\u00fcr hinter sich zu. Ich h\u00f6rte wie sich<br>ein Schl\u00fcssel im Schloss drehte. Danach wurde es still. Das Ein-<br>zige, was ich noch vernahm, war das Dr\u00f6hnen in meinen Ohren.<br>Verzweifelt begann ich, auf die Wand einzuschlagen, die in Rich-<br>tung Ausgang zeigte. Diese war rau und schon nach ein, zwei Mi-<br>nuten waren meine H\u00e4nde wund. Ich lie\u00df mich zu Boden sinken.<br>Bald w\u00fcrden die M\u00e4nner zur\u00fcckkommen und alles w\u00e4re aus. Ich<br>sah mich in dem kleinen Raum um. Au\u00dfer ein paar weiteren Kof-<br>fern und mir war der Raum leer. Noch ein letztes Mal schlug ich<br>auf die Felsen ein und \u2013 Moment mal! Hatte das nicht gerade hohl<br>geklungen? Mit letzter Kraft begann ich, gegen das Gestein zu<br>treten. Das war meine allerletzte Hoffnung. Und ich hatte mich<br>nicht get\u00e4uscht: Nach kurzer Anstrengung gab die Wand nach<br>und ein mittelgro\u00dfes Loch entstand. Normalerweise w\u00fcrde ich es<br>niemals wagen durch einen so schmalen Spalt zu kriechen, aber<br>ich hatte eine leise Vermutung. Sollte sich diese nicht best\u00e4tigen,<br>w\u00fcrde ich dort eventuell steckenbleiben, vielleicht nie wieder<br>herauskommen und \u2026 Nein, ich dachte den Gedanken lieber nicht<br>zu Ende. Ein Plan begann sich in meinem Kopf zu bilden. Doch<br>ich hatte nicht viel Zeit ihn in die Tat umzusetzen. Schnell stellte<br>ich einen Koffer so vor das Loch, dass ich noch hineinkriechen<br>konnte, er es aber noch ein wenig verdeckte. Im Anschluss zog<br>ich mir einen Schuh aus und stellte ihn so hinter einige Koffer,<br>die vor der Wand gegen\u00fcber der T\u00fcr standen, dass es so aussah,<br>als w\u00fcrde jemand dahinter kauern. Danach legte ich mich flach<br>auf den Boden und schob mich in die \u00d6ffnung. Ich sch\u00fcrfte mir<br>meinen blo\u00dfen Fu\u00df, Arme, Beine und die bereits verwundeten<br>H\u00e4nde auf. Aber ich hatte Gl\u00fcck \u2013 nach einigen Metern wurde der<br>Gang bereits etwas gr\u00f6\u00dfer. Ich l\u00e4chelte, denn meine Vermutung<br>hatte sich als wahr erwiesen. Ich war in demselben Hohlraum wie<br>heute Morgen gelandet. Es kam mir so vor, als w\u00e4re bereits eine<br>Ewigkeit vergangen, seit ich von unserer Ferienwohnung aufge-<br>brochen war. Und endlich, endlich erblickte ich den Felsen vor<br>dem Eingang. Schnell bew\u00e4ltigte ich auch noch die letzten Meter.<br>Mit wiedergefundener Entschlossenheit wartete ich hinter den<br>Felsen auf die Diebe, die bereits nach \u2013 f\u00fcr meinen Geschmack \u2013<br>zu kurzer Zeit zur\u00fcckkamen. Jetzt wieder ohne Gep\u00e4ck betraten<br>sie den Gang und ich folgte ihnen leise. Erneut nahmen sie den<br>Schl\u00fcssel aus seinem Versteck, schlossen auf und lie\u00dfen ihn ste-<br>cken. In der Kammer angelangt meinte Strohhut: \u201eSieh mal, das<br>kleine T\u00e4ubchen hat sich hinter den Koffern verkrochen. M\u00f6ch-<br>te es etwa nicht gesehen werden?\u201c Ich schmunzelte. Mein Plan<br>schien aufzugehen. Aber noch war es nicht geschafft. Ich f\u00fcrch-<br>tete schon, sie k\u00f6nnten mich h\u00f6ren, so wild klopfte mein Herz.<br>Ich erreichte die T\u00fcr genau in dem Moment, in dem die Gauner<br>hinter die Koffer sahen. Schlug sie zu, drehte den Schl\u00fcssel um<br>und zog ihn ab. Als es geschafft war, atmete ich tief durch, denn<br>ich hatte, ohne es zu merken, die Luft angehalten. Von drinnen<br>ert\u00f6nte nun lautes Geschrei. Die zwei hatten gemerkt, dass sie in<br>der Falle sa\u00dfen. Auf einem Felsvorsprung sah ich mein Handy lie-<br>gen. Ich schnappte es mir und kontaktierte vor dem Gang, wo ich<br>Empfang hatte, die Polizei. Wild durcheinander erz\u00e4hlte ich von<br>meiner gestrigen Beobachtung, dem gel\u00f6schten Video, meiner<br>kurzweiligen Gefangenschaft und der jetzigen Situation. Im An-<br>schluss daran ging ich zur\u00fcck zu der T\u00fcr und wartete. Der L\u00e4rm<br>hatte aufgeh\u00f6rt und nun versuchte einer der Verbrecher mit mir<br>zu reden. \u201eWir sitzen zwar hier drinnen gefangen, aber du hast<br>keinerlei Beweise, dass wir es sind, die etwas mit dem Korallen-<br>schmuggel zu tun haben. Du h\u00e4ttest jeden hier einsperren k\u00f6n-<br>nen und das Video haben wir gel\u00f6scht.\u201c Ich schluckte, daran hat-<br>te ich gar nicht gedacht. Aber dann fiel es mir wie Schuppen von<br>den Augen. Nat\u00fcrlich! Mein Handy speicherte doch alles doppelt<br>\u2026 Irgendwo musste das Video nochmals sein. Nach einigen Minu-<br>ten \u2013 die Polizei war noch nicht angekommen \u2013 entdeckte ich es<br>tats\u00e4chlich und lie\u00df es ablaufen. Ich konnte fast h\u00f6ren wie die<br>Verbrecher bleich wurden. Von nun an schwiegen sie, w\u00e4hrend<br>ich meine Eltern anrief, um ihnen Bescheid zu sagen \u2013 sie ver-<br>sprachen so schnell wie m\u00f6glich zu kommen \u2013 und mir die Zeit<br>damit vertrieb, mir noch einmal sowohl den heutigen als auch<br>den gestrigen Tag durch den Kopf gehen zu lassen. Es dauerte<br>nicht mehr allzu lange, bis die Beamten und meine Eltern eintra-<br>fen. Nachdem ich noch einmal die ganze Geschichte erz\u00e4hlt hatte<br>und das Video erneut hatte ablaufen lassen, war den Polizisten<br>der Fall klar und sie f\u00fchrten die Diebe ab, au\u00dferdem versprachen<br>sie mir, die gefundenen Korallen, soweit m\u00f6glich, zur\u00fcckzu-<br>setzen.<br>Wenige Tage sp\u00e4ter, kurz bevor wir unsere R\u00fcckreise antre-<br>ten w\u00fcrden, erfuhr ich, dass auch alle weiteren Komplizen der<br>Schmuggler nun im Gef\u00e4ngnis sa\u00dfen. Ich war mir sicher, dass dies<br>mit Abstand die aufregendsten Ferien meines gesamten bisheri-<br>gen Lebens gewesen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcnchner Kinder-Krimipreis 2020, Claudia W.<\/p>\n\n\n\n<p>Verwendet f\u00fcr folgendes Produkt des <a href=\"https:\/\/www.woerterwerkstatt.com\/?page_id=37\" data-type=\"page\" data-id=\"37\">&nbsp;w&nbsp;\u00f6&nbsp;r&nbsp;t&nbsp;e&nbsp;r&nbsp;k&nbsp;i&nbsp;o&nbsp;s&nbsp;k<\/a>: salzstreuer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einfach atemberaubend. Noch viel sch\u00f6ner, als ich es mirjemals selbst in meinen k\u00fchnsten Tr\u00e4umen h\u00e4tte vorstellen k\u00f6n-nen. Seit zwei Wochen machten wir bereits Urlaub in Australienund eine weitere w\u00fcrden wir noch bleiben \u2013 ganz in der N\u00e4he, amStrand. 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